Empfehlung durch Christoph Wolff,
Direktor des Bach-Archivs Leipzig
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Apokryphenforschung

Johann Sebastian Bach: Apokryphe Werke
So werden Musikstücke bezeichnet, die im Bach-Werke-Verzeichnis (BWV aufgeführt sind, deren Autorenschaft aber “zweifelhaft” ist oder als “fälschlich zugeschrieben” gilt. Ihre Hereinnahme ins BWV verdanken sie meistens der Tatsache, dass sie in der Handschrift Bachs überliefert sind oder sein Name sich auf dem Manuskript als Autorenangabe findet. Wenn Bach die Werke anderer Musiker abgeschrieben hat, war es nicht nur sein stetes Interesse an der Musik seiner Kollegen, er hat sie selbst aufgeführt und gelgentlich dazukomponiert.

Apokrypher Bach
Mit dieser nicht ganz eindeutigen Namensgebung sind zunächst alle Werke gemeint, die in beiden Auflagen des Bach-Werke-Verzeichnisses (BWV) von Wolfgang Schmieder aufgeführt, aber mit den Zusätzen:

( A ) “Die Echtheit des Werkes ist angezweifelt worden”
( B ) “… nicht gesichert”
( C ) “zweifelhaft, J. S. Bach nicht zugeschrieben”
( D ) “fälschlich zugeschrieben” (Autorenschaft festgestellt)

u.ä. versehen sind. Die Zweifel an ihre Echtheit sind so also von unterschiedlicher Qualität und daher hauptsächlich in den oben stehenden Kategorien zusammengefasst. Besonders die Einordnung in C und D hat dazu geführt, dass diese Werke häufig nicht veröffentlicht wurden und daher nie ihren Weg in unser Musikleben gefunden haben. Wir wissen wenig oder nichts über sie, über ihre Qualität und was sie mit dem Namen Bach verbindet.

Einfacher ist die Frage zu klären, wie sie überhaupt ins Bach-Werke-Verzeichnis gekommen sind. Oft steht der Name Bach über dem Manuskript oder es ist sogar in seiner Handschrift ohne weitere Autorenangabe überliefert. Die Erklärung für den letzteren Umstand ist meist, dass er diese Werke näher kennen lernen und/oder sie selber aufführen wollte. Spätestens an diesem Punkt wird dann die Frage nach ihrer Qualität relevant. Wenn ein Johann Sebastian Bach ihnen soviel Interesse gewidmet hat, können wir doch mindestens an ihnen studieren, welche Einflüsse sie auf ihn ausgeübt haben, vielleicht aber auch Musik entdecken, die anders als seine eigene und doch auf ihre Weise schön oder aufregend ist. Wird es sich auch für uns lohnen, sich mit ihr zu beschäftigen, sie aufzuführen, ihr zuzuhören?

Nach bald 200-jähriger Bachforschung, die uns diesen Meister, sein Leben und sein Werk wie kaum einen anderen nahe gebracht hat, kann hier ein neues Kapitel zu Bach aufgeschlagen werden. Durch die Musik seiner musikalischen Vorgänger, Zeitgenossen und Nachfolger, die in unterschiedlicher Art mit ihm verbunden ist und in apokryphen “Bachwerken” in erstaunlicher Vielfalt enthalten ist, lernen wir ihn selbst vielleicht mit anderen Augen sehen, erfahren seine eigene Besonderheit, was ihn mit diesen verbindet, aber auch von ihnen trennt. Und haben die Chance, neue “alte” – möglicherweise großartige – Musik aus seinem Bannkreis zu entdecken.